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Tauwurm: "Ringelpiez" zum Reinbeißen

Jeder Angler hat ihn schon mal auf den Haken gezogen - und fast alle Fische haben ihn zum Fressen gern: den guten, alten Tauwurm. Doch bevor Henning Stühring die Erdbohrer den Fischen zum Fraß vorwirft, sucht und hältert er sie.

Von Von Henning Stühring

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Henning Stühring
Rotlicht schreckt die Kringler nicht.

Nachts auf einer Grünfläche im Park: Eine seltsame Gestalt schleicht in merkwürdig gebückter Haltung über den feuchten Rasen. Auf dem Kopf eine Lampe, die einen gedämpften roten Lichtkegel vor die Füße des „Dunkelmanns“ wirft. Auf der Brust baumelt ein kleiner Behälter. Ab und zu greift der Mensch - es scheint ein älterer Herr zu sein - in den Boden und steckt dann etwas in die umgehängte Dose. Was treibt der da? Die abenteuerlichsten Vermutungen schwirren durch meinen Kopf. Ich schleiche ein paar Schritte näher. Vielleicht sucht der Heimlichtuer nach verborgenen Schätzen aus der Vergangenheit? - Völlig daneben. Die Wirklichkeit ist banal und unspektakulär: Der zieht doch tatsächlich Würmer aus dem Boden. Das kann nur ein Angler sein!

Bis zu diesem Erlebnis vor 15 Jahren hatte ich meine Würmer immer mühsam ausgegraben, oder, wenn das Taschengeld reichte, teuer gekauft. Und als begeisterter Aal-Angler ist mein Bedarf nicht gerade klein. Doch mit der dunklen Pirsch auf den Wurm ist alles ganz einfach. Nachts nämlich verlassen die Ringeltiere zu Tausenden ihre Erdröhren. Sie können dann ohne Forke einfach per Hand aufgelesen werden. Geld spart das natürlich auch.

Tauziehen mit Gefühl

Bei mir steigt die Wurmjagd im Frühjahr. In lauen Mai-Nächten, vorzugsweise bei Nieselregen, pirsche ich über kurzgemähte Rasenflächen. Aber auch der Sommer und Herbst versprechen Erfolg, sofern das Gras feucht und die Luft warm ist. Als Sichthilfe dient eine Kopf- oder Taschenlampe, deren Schein ich mit rotem Pergamentpapier abdunkle. Alternativ eignet sich auch ein hauchdünn aufgetragener Film aus feuchter Erde zur Lichtdämpfung. Tauwürmer reagieren äußerst empfindlich auf ungefilterten, grellen Lampenschein. Und sie spüren feste Tritte, weshalb man die Beute am besten ganz vorsichtig wie auf Zehenspitzen anschleicht, damit nicht der Sucher in die sprichwörtliche Röhre schaut, in die sich die Würmer bei unliebsamer Annäherung verziehen.

Habe ich einen Erdling entdeckt, packe ich ihn am Kopfende zwischen Daumen und Zeigefinger, und zwar so knapp wie möglich über der Grasnarbe. Seinen Schwanzteil behält der Wurm nämlich in der Röhre - zwecks schnellen Rückzugs. Deshalb muß der Zugriff blitzschnell erfolgen. Das Herausziehen ist dann reine Gefühls- und Geduldssache. Wer rohe Gewalt anwendet, reißt den Wurm in zwei Teile. Daher halte ich ihn lediglich unter Spannung. Nach einigen Sekunden gibt er nach und kommt als Ganzes in die Dose. Übrigens wird von Anglern berichtet, die dieses gefühlvolle „Tauziehen“ derart spannend finden, dass sie mehr Zeit auf dem Rasen als am Fischwasser pirschen.

Die Wurm-Behausung

Ein großer Vorrat an Tauwürmern nutzt aber nur etwas, wenn er über längere Zeit lebend gehältert werden kann. Die Behausung der wirbellosen Tierchen muß dunkel, luftig und feucht sein. Ideal ist eine Holzkiste (80x50x50 cm), 30 cm hoch gefüllt mit feuchtem Moos. Bis zu 200 Tauwürmer finden darin Platz. Die Kiste wird mit einem nassen Kartoffelsack abgedunkelt.

Immer in 20er-Kopfstärke werden die künftigen Köderlinge in die Kiste einquartiert. Solche, die sich nach ein paar Minuten nicht ins Moos verkrochen haben, sind krank und werden sofort entfernt. Einmal pro Woche kontrolliere ich den Bestand. Stinkende Tiere mit Faulknoten stecken nämlich die Artgenossen an. Bei dieser Gelegenheit feuchte ich auch gleich das Moos nach. Immer dran denken: Tauwürmer mögen es feucht, aber nicht naß! Einmal im Monat wird das alte Moos gegen frisches ausgetauscht. Aber Vorsicht! Darin dürfen auf keinen Fall Ameisen krabbeln. Als Nahrung streue ich dann Obstreste und Kartoffelschalen über das Füllmaterial.

Gegenüber gekauften oder ausgegrabenen Würmern bieten die aus der Kiste einen enormen Vorteil: Durch die Hälterung in Moos bekommen sie eine zähe, gummiartige Konsistenz und lassen sich besonders gut auf den Haken ziehen.

Aale an freier Leine

Habe ich es auf Aale abgesehen, kneife ich ein kleines Stück vom Schwanzende des Tauwurms ab. Einerseits lässt er sich von diesem Ansatzpunkt her leichter aufziehen, andererseits verströmt er mehr Duft. Etwa ein Drittel des Köders sitzt fest auf dem Haken, während ich das Kopfende nur noch ein- bis zweimal durchsteche, so dass sich dieser lebhafte Körperteil noch verführerisch für den Fisch bewegen kann.

Aal-Angeln muß nicht immer Bodenbleifischen sein. Eine besonders feine und fängige Alternative für langsam strömende und stehende Gewässer ist das Wurmbaden an freier Leine. Dazu knote ich einen 4er Haken direkt an die 0,25er Hauptschnur. Diese Montage lässt sich bis zu 25 m weit ausbringen. Dafür ist der Tauwurm allemal schwer genug. Außerdem hat er genug Gewicht, um auf Grund zu sinken.

Nach dem Auswerfen straffe ich nicht wie üblich die Schnur, sondern lasse sie locker von der Rutenspitze herabhängen. Nimmt ein Schlängler den Köder, wird sie stramm, und es kann angehauen werden. Mehr Aal mit weniger Montage geht kaum.

Es muß kringeln!

Außer Aale bitte ich besonders Barsche zum „Ringelpiez mit Anbeißen“. Denn die neugierigen Stachelritter bevorzugen eindeutig quicklebendige Happen. Es muß also kringeln, was der Wurm hält. Anders als beim Aal-Angeln ziehe ich deshalb den Wurm nicht auf, sondern durchsteche nur ein- bis zweimal das Schwanzende des Wurms. Fehlbisse sind dann ein Fremdwort. Wie Spaghetti saugen Barsche die lose baumelnden Ringeltiere ein.

Wer jedoch den echten Wurm lieber in der Erde lässt, kann auch zum Köderkollegen aus Gummi greifen (Vertrieb z.B. über Sänger). Diese sehr beweglichen Künstlinge kommen an eine Seitenarm-Montage. Nach dem Auswerfen lasse ich den Gummiwurm zunächst bis zum Grund absinken, um ihn dann einzuzupfen. Zwischendurch sollten immer einige Spinn-Stops eingestreut werden. Das provoziert Barsche und Zander gewaltig.

Zwar ist das Wurmbaden nicht unbedingt die gezielteste Methode, um eine bestimmte Fischart zu fangen. Aber dass dabei dicke Überraschungen drin sind, ist für mich das Salz in der Suppe: Waller beim Aal-Ansitz, Hecht beim Barschangeln - alles möglich!

Kombiköder mit Pfiff

Zwar sind auch pur angebotene Tauwürmer Spitzenköder, doch den letzten Pfiff bekommen sie in Verbindung mit einem weiteren Leckerbissen. Für Aale bevorzuge ich eine Kombi aus Tauwurm/Mistwurm, da die Riechkünstler den strengen Geruch der „Dentros“ besonders gut wahrnehmen. Soll es auf Barsch und Forelle gehen, ködere ich eine Tauwurm/Lachsei-Kombi an. Der rote „Punkt“ zieht die Augenräuber magisch an.

Foto: Fotos: Frank Brodrecht

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Aufgezogener Tauwurm
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